Illusion und Flaeche

Indem das kubistische Stilleben die Zentralperspektive aufbricht, entsteht ein Trompe l’oeil neuer Art. Die Augentäuschung kommt nicht mehr in der Erkenntnis der Illusion und in der Bewunderung der technischen Perfektion zur Ruhe, sondern sie bleibt als eine unauflösliche Irritation der Raumwahrnehmung. Dadurch, daß der kubistische Gegenstand in mehrere gleichwertige quasi-perspektivische Ordnungen gebrochen ist, die sich gegenseitig durchdringen und durchkreuzen, arbeitet der Blick unaufhörlich und immer enttäuscht an der Rekonstruktion einer wahren Ansicht, wechselt verwirrt die bruchstückhaft angebotenen Perspektiven und gleitet zwischen flächigem und räumlichem Sehen hin und her, ohne bei einer eigentlichen Ansicht Ruhe zu finden. Das kubistische Stilleben vergegenwärtigt das einfache Ding in der Transparenz seiner Uneindeutigkeit, an der Grenze seiner Bestimmtheit zur Unbestimmtheit.

Hannes Böhringer “Von der Philosophie zur Kunst”, Merveverlag Berlin, S.16

Text und Bild


050120-073036 Aquarell

Originally uploaded by Christoph Kern.

Ich verfolge nicht die Absicht, meine bildnerischen Arbeiten durch Texte zu ersetzen oder zu erklären. Aus strukturellen Überlegungen hervorgegangene gedankliche Positionen modifizieren vielmehr die bildnerische Herangehensweise. Zwischen den Polen gedanklicher Aufarbeitung changiert die Malerei und gehorcht ihren eigenen Regeln.
Grundsätze, die sich aus der Tradition der Malerei herausgebildet haben, und denen ich auch weiterhin mit bildnerischen Mitteln gerecht zu werden versuche.
Eine dieser Traditionen ist zum Beispiel, sich als Maler seine Anregungen aus der Natur zu holen; nicht um die Natur nachzubilden, sondern vielmehr um in der Nachbildung ihre Arbeitsweise zu verstehen.
Monet war so ein Maler, der gleichzeitig das Formpotential der Natur anzuzapfen verstand, als auch die Erscheinungsformen der Natur systematisierte. Ich versuche nun, meine Anregungen nicht mehr unmittelbar aus den direkten Seheindrücken von der Natur zu beziehen, sondern aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die sich mit dem strukturellen Aufbau natürlicher Entstehungsprozesse beschäftigen. Diese Arbeitsweise ermöglicht mir, die ganze Fülle verschiedenartiger Dimensionen, denen ich bei der Beschäftigung mit Kunst und anderen Wissensbereichen begegnete, in einem neuen Licht zu sehen und neu miteinander zu verflechten.