Andreas Kühne

DIE METAMORPHOSEN DES WÜRFELS

Andreas Kühne
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Zu den Papierarbeiten von Christoph Kern
“Bißweilen umb ergetzligkeit und erquickung willen meines gemüts” habe er “eine sehr liebliche und holdselige Kunst in wesenlichen Gebrauch und ubung gehabt und daran mein ubrige zeyt und weyl angewendet«, schrieb der Nürnberger Goldschmied Wenzel Jamnitzer 1568 in der Widmungsvorrede seines zeichnerischen Lebenswerkes, der »Pespectiva corporum regularium«, an seinen kaiserlichen Gönner, den “Allerdurchleuchtigsten Groszmechtigsten und unuberwindtlichsten Fürsten und Herren Maximiliano«.

Wenzel Jamnitzer ist mit dieser »Perspectiva« nicht nur eine äußerst kunstvolle und präzise Darstellung der fünf platonischen Körper und ihrer perspektivischen Variationen gelungen, sondern zugleich auch eines der ersten seriellen bildnerischen Werke der deutschen Kunst. Mit den Mitteln eines kalkulierten wir würden sagen konzeptionellen Umgangs mit Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dodekaeder und Isokaeder gelang es ihm, durch Kombination und Variation, Abschneiden und Hinzufügen einzelner Körpersegmente abstrakte Bildsequenzen aufzubauen, die von den einfachsten Grundformen bis in bizarre manieristische Phantasiewelten führen. Warum sich der bekannteste Goldschmied der deutschen Renaissance, der mit den Produkten seiner Werkstatt mehrere europäische Fürstenhöfe belieferte, dieser Jahrzehnte währenden Mühe unterzogen hat – darüber läßt sich nur spekulieren. Von einer direkten praktischen Nutzbarkeit für die angewandten Künste waren seine zeichnerischen Variationen weit entfernt. So läßt sich davon ausgehen, daß ihn vor allem die Lust am gestalterischen Erkenntnisgewinn, die sich nicht unmittelbar in ein gewinnträchtiges Kunst-Werk umsetzen ließ, zu dieser Anstrengung beflügelt hat.
Denn »wenn ich auch«, schrieb Jamnitzer weiter, »durch schwere langweylige weg gefüret dadurch ich offtermals verdrossen und müd wordenl nichts deste weniger hat mich imerdar die grosse begirde, guter lust und naigung so ich zu derselbigen Kunst so lange zeyt getragenl dabey unabiessig erhaltenl bisz ich endtlich zu jetzt … zu einem solchem fruchtbarn, nutzlichen auch gewissen und leychtem wege und Intention komen bin. Derwegen … und meinem darin angewendeten fleisz und arbeit«, hat er es »nit unterlassen können«, eine »kleine anzeigung an tag zu geben.”
Diese, von seinem Freund und Weggefährten Jost Amman radierte »kleine anzeigung” gehört zu den frühesten Zeugnissen einer Kunst in der »Gepyrge, Schlösser, Stett und Dörffer” den geometrischen »Corpora« gleichgestellt und durch den Gesichtssinn begriffen werden. Jamnitzers Künstler- und Handwerkerkollege Johannes Lencker verwendete anstelle der platonischen Körper räumlich dargestelle Buchstaben »römischer und antiquitetischer Schriften«. In Lenckers ebenfalls 1568 erschienener »Perspectiva Literaria« zeigt er über viele Variationsstufen hinweg, »wie man alle Buchstaben des gantzen Alphabets durch sondere kunstliche behende weys und weg, so biszhero nit ans liecht kommen, in die Perspectif einer flachen ebnen bringen mag.«
Auch wenn diese, hochgradig analytischen Formen zeichnerischer Kombination und Variation am Ende der Renaissance an Bedeutung verlieren und teilweise auch wieder vergessen werden, bleibt die »ars combinatoria« ein Teil der -via regia«, des königlichen Weges zu den Künsten und Wissenschaften. Für Kaspar Knittel im 17. Jahrhundert hat der Weltenschöpfer als erster die »ars combinatoria« ausgeübt und mit ihrer Hilfe die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen geschaffen. Zu Beginn des Zeitalters der Aufklärung leitete der Schweizer Mathematiker Jakob Bernoulli seine »ars conjectandi«, die Kunst der Vermutung«, mit einem Hohelied auf die Vielfalt ein, die sich sowohl in den Werken der Natur und des Menschen manifestiere. Aus der verschiedenen Zusammensetzung, Vereinigung und Gruppierung der Phänomene erwachse die Schönheit des Weltalls.
In der Malerei des Barock (s. a. 0. Bätschmann, Einführung in die kunstgeschichtliche Hermeneutik, 1984) gab es nach der herrschenden gesellschaftlichen Übereinkunft ein vollkommenes Werk ebenso wenig wie einen vollkommenen Künstler. Eine künstlerische Arbeit mußte nicht zwangsläufig so gestaltet sein, wie sie sich am Ende darstellte, sie konnte auch ganz andere Formen annehmen. Die bildnerischen Werke führten nicht nur zu Variationen, wie Poussins vielfache Wiederholungen des gleichen Themas zeigen, sondern befanden sich auch häufig im Stadium des Übergangs in andere Werke.
Claude Monet schließlich, der mit seinem impressionistischen Oeuvre bereits an der Schwelle der Moderne stand, versuchte nicht nur die vielfältigen Wirkungen des Lichts auf naive Weise zu variieren. In seinen Bilderserien waren bereits konzeptionelle und prozessuale Momente enthalten, die eine systematische Annäherung an ein Motiv ermöglichten.
Der in Berlin und München arbeitende Christoph Kern thematisierte in seiner Arbeit schon während seines Studiums an der Kunstakademie München Entstehungsprozesse gemalter Bilder. Bald schon nach seinem Umzug nach Berlin 1989 begann er die Schnittstellen zwischen computererzeugten Bildern und der traditionellen Malerei und Zeichnung zu untersuchen. Anders als der Amerikaner Mel Bochner entwirft er mit seinem »Bildbausatz« keine postmodernen Paraphrasen der bereits klassisch gewordenen konstruktiven Kunst. In Christoph Kerns Bildserien, einem »work in progress«, werden abstrakte Gestaltungsvorgänge und strukturelle Prozesse sichtbar und damit sinnlich erfahrbar gemacht. Er variiert seine Ausgangssituationen, das heißt am Computer generierte Skizzen oder Konstruktionen so lange, bis sich Resultate einstellen, die geeignet erscheinen, als separate Bilder weiter bearbeitet zu werden. Seine VISPATS (= visual patterns) sind die spielerischsten Arbeiten innerhalb des »Bildbausatzes«. Hier werden die »Bauklötze«, die den von Wenzel Jamnitzer 400 Jahre zuvor verwendeten Hexaedern erstaunlich ähnlich sehen, in Bewegung versetzt. Die Verwendung eines 3 D Konstruktionsprogrammes erlaubt es, nicht nur Licht, Schatten und Farbe, sondern auch die Perspektive einer stetigen Veränderung zu unterziehen. Die Umsetzung auf Papier erfolgt mit dem traditionellen
Handwerkszeug des Malers, dem Pinsel und Aquarellfarben, oder dem Bleistift. Diese prozessuale Vorgehensweise erzählt auf abstrakte Weise von den Abenteuern der Bildwerdung. Die gespiegelten Gegenstände sind dabei sekundär, sind nur um der einfacheren Demonstration willen »Bauklötze« und keine Gebirgslandschaften oder Seestücke. Die analytische, immer von vergleichbaren Bedingungen ausgehende Arbeitsweise Christoph Kerns führt überraschenderweise am Ende jedoch nicht nur dazu, die Phänomene besser sehen und diskutieren zu können, sondern auch zu einer neuen Form von Transzendenz, die nicht an ein tradiertes Ritual gebunden ist. »Der Zauber eines Kunstwerkes tritt nach seiner Entmystifizierung erst zutage. Er wird sich keinswegs verlieren«, kommentiert der Künstler selbst diesen Wandel von der analytischen zur transzendenten Qualität seines »Bildbausatzes«. Gott erschuf den Menschen nach seinem Ebenbild und zierte ihn »an seinem Leyb mit zweyen schönen liechtern, damit anzuschauen die Cörper und Geschöpff und zu erkennen … «, heißt es bei Wenzel Jamnitzer.

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